19. Dezember 2011, Tages-Anzeiger
Zinsen Schweiz
Zurück zu normalen Renditen
Viele, aber nicht alle Investitionen liefen im vergangenen Jahr schief. So trieb die Flucht der Anleger in Qualität und sichere Werte die Kurse der Bundesobligation mit der längsten Laufzeit (2049) auf ein Rekordniveau von 178 Prozent. Mit diesem Eidgenossen war im vergangenen Jahr die eindrückliche Rendite von 17,8 Prozent zu erzielen. Die Kehrseite der Medaille ist bekannter: Die zukunftsgerichtete Rendite auf Verfall von Bundesobligationen befindet sich auf einem Rekordtief, genauer gesagt bei 0,8 Prozent.
Nun erwartet Ralf Wiedenmann von der Bank Vontobel, dass sich die Flucht in den Franken legt und die Zinsen langsam wieder auf ein normaleres Niveau begeben. So sollen die Renditen von Bundesobligationen mit einer Restlaufzeit von 10 Jahren bis Ende 2012 um 30 bis 40 Basispunkte auf etwa 1,1 Prozent steigen. Eine Gegenbewegung in diesem Umfang wäre für Anleger mit kleinen Verlusten verbunden. Für die kurzfristigen Zinsen sieht Wiedenmann kein Potenzial. Sie verharren beim Gefrierpunkt. Im Unterschied zu den Anhängern von Gold rechnet Wiedenmann vorläufig nicht mit einer anziehenden Inflation. Der intensive Wettbewerb im Detailhandel würde ein Anziehen der Preise verhindern, begründet der Ökonom von Vontobel. Deshalb werde die Teuerung, die zurzeit ein negatives Vorzeichen trägt, im kommenden Jahr wenig zunehmen und im Durchschnitt nur 0,2 Prozent betragen. Wenn sonst alles wackelt, sind wenigstens stabile Preise viel wert.
Währungen
Euro und Dollar etwas stärker
Für die massgebenden Währungen, den Euro und den Dollar, verbessern sich die Aussichten geringfügig. Marcus Hettinger, Leiter Devisenanalyse von Credit Suisse, sieht die europäische Einheitswährung in einem Jahr bei 1.26 Franken und den Dollar bei 98 Rappen. Beide Währungen werden von der Überbewertung des Frankens unterstützt, aber zu einer Rückkehr auf ein faires Niveau, das sich an der Kaufkraftparität orientiert, wird es nicht kommen. Dazu seien die weiteren Treiber zu schwach, glaubt Hettinger. «Die Zinsdifferenz zwischen der Schweiz und dem Euroraum ist gering und wird weiter abnehmen, wenn die EZB die Zinsen senkt.» In einem solchen Umfeld würden Währungstrends von den Leistungsbilanzen und der Verschuldung der Länder beeinflusst, argumentiert der CSAnalyst. «Weil die Schweiz einen Leistungsbilanzüberschuss hat, ergibt dies einen stetigen Einkommensstrom in den Schweizer Franken», so Hettinger.
In ihrer Prognose geht die Credit Suisse von einem Fortbestehen des Euros und einer leichten Rezession in Europa aus. Ein Zusammenbruch der Währung sei zwar eine «theoretische Möglichkeit», aber äusserst unwahrscheinlich. Für die USA rechnet er mit einem leichten Wachstum. Eine globale Rezession befürchtet er nicht.
Für einen Schweizer Anleger sind auch die schwedische Krone sowie der KanadaDollar interessant. Kanada ist eines der wenigen Länder, das das AAA-Rating retten konnte.
Aktien Schweiz
Jetzt erst recht
«Solange der Euro in der heutigen Form besteht, gibt es in der Schuldenkrise keine Lösung.» Unter dieser Prämisse startet der Aktienausblick von André Kistler von Albin Kistler Vermögensverwaltung. Überraschend ist seine Schlussfolgerung: Weil Europa vor einer tief greifenden Veränderung steht, sind Aktien die beste Anlage. «Die Unternehmen stehen besser da als die Länder; ihre Bilanzen sind gesund; die Unternehmen sind wettbewerbstüchtig und ihre Aktien tief bewertet», argumentiert Kistler. Auf die global tätigen Schweizer Konzerne würde dies besonders zutreffen. Auch seien sie in den aufstrebenden Märkten gut vertreten. «Die Schwellenländer sind die Gewinntreiber», erklärt der Vermögensverwalter. Schweizer Aktien sind mit einem KursGewinnVerhältnis von durchschnittlich 11 bewertet. Auch das KursBuchwertVerhältnis von durchschnittlich 1,5 sei tief, und die Dividendenrendite von 3,2 Prozent hoch. Kistlers Ausblick für Schweizer Aktien gilt für die nächsten fünf Jahre. Zunächst würde eine deflationäre Periode folgen. «Dann kann die volatile Börse gut nochmals 10 bis 20 Pro zent verlieren», sagt Kistler. Aber mittelbis langfristig müsse man sich wegen der faktischen Anbindung des Frankens an den Euro auf eine inflationäre Periode einstellen. Für Schweizer Unternehmen dürfte dies Währungsgewinne mit sich bringen. Noch ein Tipp von André Kistler: «Man sollte nicht auf die Börsenkurse schauen, sondern gute Unternehmen wählen.»
Gold
Finale furioso steht noch bevor
Seit September durchlebt Gold eine Preiskorrektur. «Nach einer 10 Jahre dauerndenHausse mit einem exponentiellen Wachstumwar das eine gesunde Reaktion», sagt PeterFrech, der den Strategic Precious Metal Fundder Schweizer Fondsgesellschaft Quantexleitet. Die Goldpreise hätten die Euroschuldenkrise zum Teil vorweggenommen, aberdiese werde die Goldpreise wieder antreiben.«Das Finale furioso kommt erst noch», so der Portfoliomanager. Auf ein Preisziel will er sichnicht festlegen, aber als Orientierung können2500 Dollar pro Unze dienen. Dies entsprichtdem inflationsangepassten Höchststand,den Gold in der Hausse der 70erJahreerreicht hatte.
«Heute ist die Bereitschaft der Zentralbanken, die Geldmenge auszuweiten, nochgrösser als damals», stellt Frech fest. Damit besteht auch die Gefahr, dass sich einezweistellige Inflation aufbaut. «Die Angstdavor treibt den Goldpreis in die Höhe. Goldist als Krisenschutz akzeptiert und nichtmehr eine Liebhaberei von Spinnern undFreaks.» Auch die Schweizerische Nationalbank müsse Geld drucken, weil sie den Franken faktisch an den Euro gekoppelt hat.Ein zweiter Faktor, nämlich die tiefen oderreal sogar negativen Zinsen unterstützen dieGoldhausse, denn sie verbilligen das Hortendes Edelmetalls. Nur wenn sich die Zentralbanken und Regierungen weiterhin ohneInflation durchwursteln könnten, käme die Goldhausse zum Stillstand. Aber daranglaubt Frech nicht.
