20.07.2011,  Finanz und Wirtschaft, von Thomas Hengartner
«Schlimmstenfalls noch 5 bis 10% tiefer»

Unabhängige Anlageprofis raten zu Aktieninvestments – Dividendenrendite höher als Zinsniveau – Anlagewerte selbst in einem Inflationsszenario gut geschützt

Keinesfalls seien Aktieninvestments jetzt durchs Band hinweg zu verkaufen, sagen mehrere unabhängige Vermögensberater übereinstimmend. Die europäischen Börsen sind lediglich knapp unter dem Stand von Anfang Jahr, der US-Markt gar noch immer im Plus. Nur an der Heimbörse ist mit dem Rückgang um 10% ein leicht alarmierendes Zwischenergebnis zu verzeichnen.

«Nach der steilen Aufholbewegung der letzten Jahre ist eine Konsolidierungsphase nur vernünftig», sagt Roman von Ah. Der Gründungspartner von Swiss Rock Asset Management zählt gleich zehn Gründe auf, die eine Geldanlage in Aktien auf die nächsten Jahre viel versprechend erscheinen lassen (vgl. Textkasten).

Angesichts der EU-Staatsschuldenkrise fürchten indes nicht wenige Investoren ein weiteres Abrutschen der Kurse. «Fundamental und technisch betrachtet, geht es schlimmstenfalls noch 5 bis 10% tiefer», meint André Kistler. «Die Fiskal- und Sparmassnahmen vieler Staaten werden das Wirtschaftswachstum zwar noch viele Jahre lang unter das Potenzial drücken», räumt der geschäftsführende Partner von Albin Kistler ein, «allerdings bleibt auch die Inflation gering.»

 

«Euro wieder über 1.30 Fr.»
Mit einer Normalisierung des Zinsgefüges sei weiterhin nicht zu rechnen. «Wie soll das in einer deflationär geprägten Wirtschaftswelt geschehen können?» fragt Kistler. Die Gefahren lägen in der übermässigen Verschuldung vieler Länder und nicht in den Bilanzen und Erfolgsrechnungen gut geführter Unternehmen. Wenn nur noch über Negativmeldungen gesprochen werde, sei der Zeitpunkt für Aktien gekommen, meint Alfred Ernst: «Damit ist man nicht zwingend schon im Oktober im Gewinn, aber auf mehrere Jahre betrachtet auf der guten Seite.» Er mahnt jedoch zu einem disziplinierten Vorgehen. «Timing ist ganz schwierig, weshalb Aktienpositionen gestaffelt in Teilmengen aufgebaut werden müssen», sagt das Geschäftsleitungsmitglied von Salmann Investment Management.

Für die Aktienauswahl achtet Salmann Investment auf mehrere unternehmensbezogene Bilanzkennzahlen sowie auf eine günstige Bewertung der Valoren, gemessen am Buchwert, am ausgewiesenen Gewinn sowie an der Rendite der letztbezahlten Dividende. In der Selektion finden sich etwa ABB, Holcim, Roche und Zurich Financial sowie u.a. Deutsche Post, Telecom Italia und Vivendi.

Am Währungsrisiko haben sich in den zurückliegenden Monaten viele Anleger die Finger verbrannt. André Kistler findet es indes gar vorteilhaft, aus dem Franken heraus an ausländischen Aktienmärkten zu investieren: «Der Dollar wird bis in zwei Jahren wieder über 1 Fr. notieren, der Euro wohl auch wieder über 1.30 Fr.» Die Währungskurse würden früher oder später wieder zur Kaufkraftparität streben – der gemäss Kistler auf längere Frist bestimmende Faktor für die Devisenkurse.

Albin Kistler schlägt den Kunden Aktien aus fast allen Sektoren vor, von den Nahrungsmittelanbietern Bell und Emmi, über die Produkthersteller IBM, Semperit und Vetropack bis zum Rohstoffbereich mit Xstrata. Zur Finanzbranche ist die Haltung jedoch gespalten: Versicherer sind dabei, etwa mit Helvetia, der Banksektor
wird jedoch wegen des hohen Kapitalbedarfs vieler Institute mehrheitlich gemieden.

Alle Gesprächspartner setzen auf eine Übergewichtung von Aktien im Gesamtvermögenskontext. In einer ausgewogen gestalteten Anlagestruktur mit einem 50%-Normanteil für Dividendenwerte kann deshalb die effektive Quote auf 60% der Anlagesumme gesetzt werden. Begründet wird dieses Sondergewicht mit einer den gut geführten Unternehmen zugetrauten Fähigkeit, die Ertragskraft auch in widrigen Zeiten schützen zu können.

Konjunkturelle oder auch nur währungsmässige Ertragsbeeinträchtigungen könnten indes die künftige Ausschüttung und damit die Aktienrendite schmälern, werden vorsichtige Investoren einwenden. Unternehmen mit solidem Kapitalpuffer trachten in aller Regel danach, die anteilige Gewinnauszahlung an die Aktionäre zu halten oder zumindest nicht ausfallen zu lassen. «Dass in ganz schwierigen Zeiten ein Unternehmen die Dividende kürzen muss, hat für Aktienanleger ein verkraftbares Risiko zu sein», verlangt Alfred Ernst. Über den längeren Zeitraum hingegen ist für fast alle Unternehmen eine Ausweitung der Dividendensumme zu beobachten.

 

Obli-Fälligkeiten staffeln
Bleibt am Schluss das Engagement in zinstragenden Papieren, das in den empfohlenen Depotstrukturen als Folge der Aktienübergewichtung eine verminderte Grössenordnung erhält. Aus Bonitätsüberlegungen werden Gelder von staatlichen Schuldnern zu den Unternehmensobligationen verschoben. Das Zinsänderungsrisiko besteht allerdings auch in diesem Anleihensegment. Eine klare Staffelung der Fälligkeiten sichert dem Anleger jedoch zumindest Wiederanlagechancen zu jeder Phase des Zinszyklus.